| Pressemeldung | Nr. 048

Grußwort von Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

beim Jahresempfang des Deutschen Caritasverbandes anlässlich des 5. Caritaskongresses „Sozial braucht digital“ am 28. März 2019 in Berlin

 

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Caritaspräsident Prälat Dr. Peter Neher,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zum Jahresempfang 2019 des Deutschen Caritasverbandes, den Sie im Rahmen des Caritaskongresses zum gesellschaftlichen Zusammenhalt heute feiern.

Als eine der Grundfragen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben Sie die Digitalisierung identifiziert. „Sozial braucht digital“, unter diesem Motto steht daher die Jahreskampagne 2019 der Caritas. Eine etwas überraschende Formulierung, könnte man auf den ersten Blick meinen. „Sozial braucht das Ehrenamt“ oder „Sozial braucht finanzielle Sicherheit“, diese Formulierungen sind sofort einleuchtend, aber „Sozial braucht digital“ im Sinne einer Notwendigkeit? Und doch haben Sie Recht. Wie nahezu jeder Bereich in unserer Gesellschaft, ist auch der soziale Bereich, die Wohlfahrtspflege, von der Digitalisierung erfasst und durchdrungen worden. Vieles ist ohne digitale Technik heute tatsächlich nicht mehr möglich oder nur unter erheblichen Wirkungsverlusten.

Wenige Themen werden so kontrovers diskutiert wie die Digitalisierung. Verheißungsvolle Zukunftsvisionen und -ängste liegen nah beieinander. Umso notwendiger ist es, über diese Themen, ihre Chancen und Risiken, zu diskutieren. Dies gilt gerade auch für den sozialen Bereich. Von daher ist es ein wichtiges Signal, dass Sie die digitale Transformation als ein zentrales Zukunftsthema aufgegriffen haben.

Ihr Motto lässt Fragen auf zwei verschiedenen Ebenen deutlich werden. Zum einen: Wie können die Digitalisierung und alle mit ihr einhergehenden technischen Neuerungs- und Umwandlungsprozesse im Bereich der Wohlfahrt sinnvoll nutzbar gemacht werden? Und zum anderen: Wie können die durch die Digitalisierung angestoßenen und beschleunigten Prozesse innerhalb unserer Gesellschaft in sinnvolle und soziale Bahnen gelenkt werden?

Die Digitalisierung ist grundsätzlich keine Bedrohung. Viel Positives ist durch sie entstanden und zu beobachten. Der einfache und direkte Kontakt von Menschen über alle Erdteile hinweg oder der leichtere Zugang zu Wissen und Erkenntnissen beispielsweise. Die Digitalisierung stellt uns alle aber auch vor große Herausforderungen. Die Grenzen des technisch Machbaren werden beständig neu gezogen. Vieles, was vor Jahrzehnten oder noch vor einigen Jahren nicht möglich erschien, ist inzwischen Realität oder zum Greifen nah. Tagtäglich spüren und sehen wir die Veränderungen, die die Digitalisierung in vielen Lebensbereichen mit sich bringt. Die Abschätzung von Folgen und Risiken oder die ethische Bewertung können mit dieser Geschwindigkeit oft nicht mithalten.

Die Digitalisierung ist aber kein Zweck, sie ist ein Mittel. Sie ist ein Instrument, um Freiheit und Chancen für alle Menschen zu fördern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Sie sollte es zumindest sein und nicht zu Spaltungen zu führen. Um dies zu erreichen, ist ein breiter gesellschaftlicher Diskurs notwendig, an dem selbstverständlich auch die Kirche und die Caritas mitwirken sollen und wollen. Gerade als Wohlfahrtsverband ist es die Aufgabe und das Recht, vielleicht sogar die Pflicht der Caritas, an Gesellschaft und Politik Fragen zu stellen und nachzuhaken.

Im letzten Jahr hat die EU-Kommission eine „öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung“ durchgeführt. Die Teilnahme daran war nur online möglich. Wer also keinen Internetzugang besaß oder mit den Anforderungen dieser digitalen Befragung nicht zurechtkam, war in dieser Frage von der Willenskundgabe ausgeschlossen. Ein Beispiel dafür, dass digitale Teilhabe zu einer Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe geworden ist. Was aber passiert mit den Menschen, die sich nicht auf die Digitalisierung einlassen können oder wollen? Denn 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind nach wie vor offline, das sind immerhin 12 Millionen Menschen. Was ist mit denen? Wie erhalten sie Teilhabe? Wer bindet sie ein und wie?

Gleichzeitig sehen wir, dass digitale Angebote intensiv angenommen werden. So können seit 2005 die etwa eine Million Wahlberechtigten Estlands per Klick abstimmen, statt am Wahltag in die Kabine zu gehen. Bei der Parlamentswahl vor drei Wochen (am 3. März) haben fast 44 Prozent derjenigen, die ihre Stimme abgegeben haben, dies online getan. Da liegt es nahe, dass die einfache Abgabe der Stimme von zuhause oder unterwegs aus mehr Menschen dazu motiviert, an der Wahl teilzunehmen.

Der Verzicht auf Onlinelösungen und -angebote wird sich in vielen Sektoren nicht halten lassen und erscheint mir nicht sinnvoll. Auch im Bereich der Caritas eröffnen digitale, niedrigschwellige Angebote neue und wichtige Kontaktmöglichkeiten für Ratsuchende. Ein Beispiel hierfür ist die Online-Beratung von jungen Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen. Das Projekt U25 erreicht Menschen, die vielleicht sonst nicht den ersten Schritt aus ihrer Krisensituation heraus machen würden.

Wichtig bleibt dabei, nicht vollständig auf das Analoge zu verzichten. Wenn auch der persönliche Gang auf Ämter und Behörden oft zeitraubend ist, sollten wir als Gesellschaft auf die Bereitstellung dieser Angebote nicht verzichten. Es braucht weiterhin Räume und Örtlichkeiten der Zusammenkunft wie Gemeindezentren, Pfarrheime oder öffentliche Bibliotheken. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen weiterhin ein Bedürfnis haben werden, sich nicht nur virtuell, sondern real zu begegnen. Genauso wichtig ist aber, bei den digitalen Angeboten im Vergleich zu den analogen keine qualitativen Abstriche zu machen.

Essenziell bei allen technischen Lösungen ist das Vertrauen der Nutzer in die Vorgänge und Ergebnisse. Es liegt in der Verantwortung der Anbieter digitaler Lösungen und Angebote, dieses Vertrauen herzustellen. Allzu oft wurde dies in der Vergangenheit enttäuscht. Daher ist auch der Staat in der Pflicht, wirksame Regelungen zu schaffen und sie dann auch durchzusetzen. In der Verantwortung der Anwender liegt es, sich so gut wie möglich mit den verwendeten Produkten auseinanderzusetzen. Denn um den digitalen Wandel mitgestalten zu können, müssen wir ihn zuerst verstehen. Wir alle, Kirche und Caritas, müssen weiterhin digitale Kompetenzen aufbauen.

  • Wir können sicher nicht jeden Algorithmus bis ins kleinste Detail aufschlüsseln, aber wir können uns einerseits kompetenten Rat einholen und andererseits unsere Sichtweisen und Anfragen in den Diskurs einbringen:
  • Was bedeutet es für die Freiheit des Menschen, wenn Maschinen uns Entscheidungen abnehmen?
  • Kommt beispielsweise der Algorithmus, den wir zur Krebsdiagnose und der daraus resultierenden Behandlungsempfehlung einsetzen zu dem Ergebnis, zu dem auch der Mensch gekommen wäre? Kommt er dazu schneller, vielleicht zu einem besseren? Oder kommt er zu dem Ergebnis, das für das Krankenhaus und die Versicherung am wirtschaftlichsten ist?
  • Lässt die Digitalisierung Raum für die Einzelfallentscheidung oder Abweichungen von der Norm aus Gründen der Barmherzigkeit?

Wir dürfen nicht an einen Punkt kommen, an dem wir nicht mehr die Maschinen an unsere Bedürfnisse anpassen, sondern wir uns umgekehrt deren Bedürfnissen anpassen. Daher stehen die Kirche und ihre Caritas vor der Aufgabe, diese Entwicklung so zu gestalten, dass unsere christliche Botschaft wirksam wird, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, im Mittelpunkt bleibt oder wieder neu in den Mittelpunkt gerückt wird. Und zwar nicht nur die Kunden, die Klientinnen, die Patienten, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Denn als Dienstgeber sieht sich die Caritas vor die grundsätzlichen Fragen gestellt, die sich viele Unternehmen stellen müssen: Wie widersteht man den Verlockungen der totalen Überwachung der Beschäftigten und lässt ihnen Freiräume? Wo digitale Systeme dazu dienen, Fahrwege der ambulanten Pflege zu optimieren, können wir sicher von Vorteilen sprechen. Wo diese Systeme in minutiöse Überwachung der Beschäftigten ausarten, nicht mehr. Wichtig ist ein gesundes, ausgewogenes Verhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle, dessen Aushandlung die Beschäftigten mit einschließt. Auch in den Fragen der ständigen Erreichbarkeit und des Einflusses des „digitalen Büros“ auf die Freizeit der Beschäftigten stehen wir meines Erachtens noch nicht am Ende des Aushandlungsprozesses.

Die Digitalisierung bietet im sozial-caritativen Bereich viele Vorteile, die sie besser kennen und benennen können als ich. Entscheidend für den gewinnbringenden Einsatz ist es, Mitarbeitende in den neuen Techniken zu schulen, damit sie diese kompetent einsetzen und andere im Umgang mit ihnen beraten können. Dies ist keine einmalige Aufgabe, sondern fortwährende Herausforderung für Dienstgeber wie Dienstnehmer, auf dem Laufenden zu bleiben. Dafür braucht es ein Wirtschafts- und Bildungssystem, das dieses lebenslange Lernen ermöglicht und unterstützt.

Gleichzeitig gilt es, neue Beschäftigungs- oder Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen zu schaffen, deren Stellen durch die Digitalisierung nicht mehr in dem Umfang wie bisher benötigt werden. Jede wirtschaftliche und technologische Entwicklung hat auf dem Arbeitsmarkt ihre Spuren hinterlassen. Über die Auswirkungen der Digitalisierung gibt es unterschiedlichste Zahlen und Studien. Sicher ist, es wird große Veränderungen geben. Und diese rasch und rasant. Diese Vorgänge nicht einfach geschehen zu lassen und den Einzelnen seinem Schicksal zu überlassen, ist von immenser gesellschaftlicher Relevanz. Denn die Arbeit gehört auch zur Grundkonstitution des Menschseins: Etwas Werthaltiges, etwas Sinnvolles, etwas von Bedeutung zu schaffen. Nimmt man den Menschen dies, kann bei ihnen das Gefühl der Nutzlosigkeit entstehen, das Gefühl abgehängt zu werden. Zu arbeiten und von seiner Arbeit leben zu können, das Gefühl etwas zu tun, was für die Gemeinschaft und in der Gemeinschaft wichtig ist, bleibt weiterhin eine Säule der freien Gesellschaft, die aus vielen Richtungen bedroht wird und jede Stütze brauchen kann. Denn kein Mensch ist überflüssig: „Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht“, so hat es Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats formuliert.

Der Deutsche Caritasverband besteht seit 121 Jahren. Er ist Teil einer wechselvollen Geschichte, der sich der DCV immer gestellt hat, und die er bis heute gut gemeistert hat. Das Motto Ihrer Jahreskampagne „Sozial braucht digital“ verstehe ich so: Wir als Caritas stellen uns der digitalen Welt. Wenn es um die gesellschaftlichen Herausforderungen in der digitalen Welt geht, wollen und werden wir dabei sein. Insofern muss sich die digitale Welt auch uns stellen. Diesen Weg weiterzugehen, kann ich Sie nur ermutigen.

Abschließend danke ich Ihnen und der gesamten Caritas für die vielfältige und unverzichtbare Arbeit, die Sie tagtäglich aus dem christlichen Menschenbild heraus an Menschen in Not, am Nächsten vollbringen. Sie verwirklichen damit auf das Lobenswerteste einen der Grundvollzüge unserer Kirche.