| Pressemeldung | Nr. 145

Grußwort von Erzbischof Dr. Nikola Eterović, Apostolischer Nuntius in Deutschland, zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

„Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms am Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt“ (Lk 13,2–5).

Eminenzen, Exzellenzen, liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Die Worte aus dem Lukasevangelium passen gut zu den Reflexionen zur Covid-19-Pandemie, die sich in den letzten Monaten über den gesamten Erdkreis verbreitet und im persönlichen und sozialen Leben aller, sowie im kirchlichen Leben mancherlei Not verursacht hat. Jesus Christus lehnt es ab, über die vorgebliche Schuld von Unfalltoten zu diskutieren, sondern er nutzt diese tragischen Ereignisse, um die Lebenden zur Umkehr zu bewegen: „Ihr werdet alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt“ (vgl. Lk 13,5). Dieser Aufruf des Herrn Jesus meint auch uns als Teil der Menschheitsfamilie und Glieder der katholischen Kirche. In einem ersten Schritt können wir dabei von einem Mentalitätswechsel sprechen und zweitens von der Umkehr im eigentlichen Sinn.  

Mentalitätswechsel
Die rasche Verbreitung des Corona Virus hat in vielen Ländern die Grenzen der Belastbarkeit im Gesundheitswesen gezeigt. Die Erfahrung zeigt, dass die Länder, wo das öffentliche Gesundheitswesen gut ausgebaut ist, der Krise erfolgreicher begegnen konnten. Daher ist es nötig, dieses System vor allem in solchen Ländern weiter auszubauen, wo es defizitär ist, auch wenn damit hohe finanzielle Anstrengungen verbunden sind.

Eine Hauptsorge galt den besonders gefährdeten Menschen, vor allem den alten Menschen. Nicht hinnehmbar ist das Verhalten mancher Länder, die gerade diese Altersgruppen nicht ausreichend vor dem Virus geschützt und sie praktisch geopfert haben. Der Heilige Vater Franziskus hat sich hierzu klar geäußert: „Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft nicht ausreichend organisiert ist, um den älteren Menschen ihren Platz zu geben und sie in ihrer Würde und Schwachheit zu achten. Wo für die Alten nicht gesorgt wird, gibt es keine Zukunft für die Jungen“ (Twitter-Botschaft, 15. Juni 2020). Eine solche Haltung ist ethisch verwerflich und darüber hinaus zutiefst ungerecht, denn die jetzt Alten haben einen nicht kleinen Anteil  zum Wohlstand unserer Gesellschaft beigetragen und erhebliche finanzielle Beiträge in der Hoffnung aufgebracht, eine Rente oder Pension zu erhalten und im sogenannten dritten Lebensalter ausreichende Unterstützung durch das Gesundheitswesen zu erhalten.

Die Corona-Pandemie hat die Grenzen der Naturwissenschaften offenbart. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Begleitung eines Menschenlebens und für die Menschheit insgesamt, doch können sie nicht auf alle Probleme und noch weniger auf alle Fragen Antworten geben, vor allem nicht auf die wesentlichen Fragen wie der Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Auffassung von Wissenschaft als eine neue Art von Pseudoreligion ist bei vielen Zeitgenossen in die Krise geraten. Die Fachleute erkannten, dass SARS-CoV-2 ein neues Virus ist, über das sie wenig wissen. Auch sie müssen erst seine Eigenschaften erforschen und nach wirksamen Therapien für damit Infizierte suchen, vor allem solange ein wirksamer Impfstoff fehlt. Die herkömmlichen Schutzmaßnahmen wie die Abstandsregel, das Tragen von Mund-Nase-Masken oder das Desinfizieren vor allem der Hände helfen wirkungsvoll gegen eine weitere Verbreitung des Corona-Virus.

Die gegenwärtige Pandemie hat wiederum gezeigt, wie wichtig die Achtung der Natur ist, jene ganzheitliche Ökologie, von der Papst Franziskus oft spricht, vor allem nach seiner Enzyklika Laudato si’. Auf die Frage, ob die Pandemien möglicherweise so etwas wie die Rache der Natur seien, hat er geantwortet: „Ich weiß nicht, ob sie die Rache der Natur sind, aber sie sind sicher Antworten der Natur“ (The Tablet, 8. April 2020). Mit Blick auf den 50. Internationalen Tag der Erde sagte der Papst: „Wenn wir heute den weltweiten Tag der Erde feiern, dann sind wir aufgerufen, das Bewusstsein für den heiligen Respekt gegenüber der Erde wiederzufinden, denn sie ist nicht nur unser Haus, sondern auch Gottes Haus.“ Ebenso ruft er in Erinnerung: „Gleichzeitig brauchen wir eine ökologische Umkehr, die in konkretem Handeln zum Ausdruck kommt. Als eine einzige und voneinander abhängige Familie brauchen wir einen gemeinsamen Plan, um die Bedrohungen gegen unser gemeinsames Haus abzuwenden. ,Die wechselseitige Abhängigkeit verpflichtet uns, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken.‘“ (LS, 164 – Generalaudienz, 22. April 2020)

Die Umkehr der Christen
Zu diesem notwendigen Mentalitätswechsel braucht es unbedingt auch die Umkehr, zu der Jesus Christus vor allem die Christen aufruft. Es geht um unsere Art zu sein, zu leben und zu handeln und um die Verkündigung des Evangeliums des Lebens und den Liebesdienst am Nächsten.

Die Covid-19-Pandemie rückt den Tod in den Vordergrund, jene Wirklichkeit, die unsere säkularisierte Gesellschaft an den Rand zu drängen sucht. Und so sterben die Menschen abseits in den Altersheimen und in den Krankenhäusern. Selten haben Jugendliche unmittelbaren Kontakt mit Menschen in der letzten Phase ihres Lebens und noch weniger mit dem Phänomen des Todes. All dies hat sich schlagartig geändert: In den sozialen Netzwerken werden die Zahlen von Toten aufgrund des Corona-Virus unübersehbar kommuniziert, was zu zahlreichen Reaktionen der Trauer und Angst führte.

Bei dieser Gelegenheit ist daher die Botschaft des Lebens aktuell, die Jesus Christus auch heute verkündet: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,25–26). Es scheint eine Katechese über den Sinn des Lebens nötig, die den Übergang zum Tod einschließt, den schmerzlichen Übergang, der vereint mit dem Herrn Jesus die Auferstehung zum ewigen Leben verheißt. Laut den Statistiken glauben von den 54 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, die Christen sind, nur 61 Prozent der Katholiken und 58 Prozent der evangelischen Christen an die Auferstehung Jesu Christi; ferner glauben nur 57 Prozent in den evangelischen Kirchen und 63 Prozent der Katholiken, dass Jesus Christus auch der Sohn Gottes ist (vgl. Der Himmel ist leer, in: Der Spiegel Nr. 17, 20. April 2019). Hingegen glauben 31 Prozent der Deutschen an ein Schicksal, 24 Prozent an Astrologie und 15 Prozent an eine Wiedergeburt (vgl. Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 29. Mai 2018). Die Verkündigung der Grundlagen des christlichen Glaubens ist daher dringend geboten. Sie könnte mit der Katechese über den Inhalt des nicänokonstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses beginnen, in dem wir jeden Sonntag und an Feiertagen unter anderem bekennen: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt“ oder im Apostolischen Glaubensbekenntnis, das im deutschen Sprachraum öfter benutzt wird: „Ich glaube … die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“.

Die Versorgung der mit dem Corona-Virus Infizierten mit einem schweren Verlauf machte deren Isolierung vom häuslich-familiären Umfeld und die Verlegung in ein Krankenhaus mit Spezialbehandlung nötig. Die damit verbundene Einsamkeit vermehrte das Leid vieler Menschen. Sie könnte vom christlichen Glauben her erhellt werden, denn danach ist ein Getaufter nie allein. Er ist sakramental mit Christus vereint, dem „Haupt des Leibes, der die Kirche ist“ (vgl. Kol 1,18). Der Herr Jesus lässt die Seinen nie im Stich, auch nicht in den dunkelsten Stunden ihres Lebens, wie in denen von Tod und Begräbnis. Auch auf diese Situationen lässt sich die Verheißung des allmächtigen und barmherzigen Gottes anwenden: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht“ (Jes 49,15).

In Abwesenheit der Angehörigen haben viele Ärzte und das medizinische Personal versucht, den Kranken nahe zu sein, vor allem denen, die den Überlebenskampf nicht gewinnen konnten. Der Heilige Vater hat zu Recht den selbstlosen und oft heroischen Einsatz vieler Pflegekräfte hervorgehoben, die ihr eigenes Leben in der Sorge um die Kranken verloren haben. Bei der Begegnung mit Ärzten, Pflegekräften und den in der Krankenhausseelsorge Tätigen aus der von Covid-19 so grausam heimgesuchten italienischen Region der Lombardei hat der Papst unterstrichen, dass die Kranken „in Ihnen, den Pflegekräften, gleichsam weitere Familienangehörige gefunden haben, die in der Lage waren, mit der professionellen Kompetenz jene Aufmerksamkeiten zu verbinden, die konkreter Ausdruck der Liebe sind. Die Patienten haben häufig gespürt, dass ,Engel‘ an ihrer Seite waren, die ihnen geholfen haben, gesund zu werden, und die sie zugleich getröstet, unterstützt und zuweilen auch bis zur endgültigen Begegnung mit dem Herrn begleitet haben. Die Pflegekräfte haben, unterstützt von der Fürsorge der Krankenhausseelsorger, die Nähe Gottes zu den Leidenden bezeugt, sie waren stille Baumeister einer Kultur der Nähe und der Zärtlichkeit“ (Vatikan, 20. Juni 2020).

Besonderen Dank verdienen die Priester, die in der Zeit der Pandemie Wege und Möglichkeiten gefunden haben, den Gläubigen, die ihrer pastoralen Sorge anvertraut sind, nahe zu sein. Im Brief an die Priester der Diözese Rom schreibt ihr Bischof, Papst Franziskus, unter anderem: „Obwohl es notwendig war, die soziale Distanzierung einzuhalten, hat dies nicht verhindert, dass sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Gemeinschaft und der Mission verstärkte, was uns geholfen hat, dafür zu sorgen, dass die Liebe, vor allem gegenüber den am meisten benachteiligten Menschen und Gemeinschaften, nicht unter Quarantäne gestellt wurde. In diesen aufrichtigen Gesprächen konnte ich feststellen, dass die notwendige Distanz nicht gleichbedeutend war mit Rückzug auf sich selbst oder Abkapselung, die die Mission betäubt, einschläfert und auslöscht.“ Ich weiß, dass es auch in Deutschland viele Priester, Ordensleute und pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die in diesem Sinne handeln.

Abschließende Bemerkungen
Die Worte Jesu zur Umkehr, die auch einen Mentalitätswechsel mit sich bringen, sollten von einer erneuerten Verkündigung christlicher Hoffnung auf das ewige Leben, wie auch von konkreten Taten im Kampf gegen die schweren Folgen der Corona-Pandemie begleitet werden. Um die Entwicklung der Situation besser beurteilen und Förderprojekte anregen zu können, hat der Heilige Vater am 20. März 2020 „das Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen angewiesen, in Zusammenarbeit mit den anderen Dikasterien der Römischen Kurie und anderen Einrichtungen eine Kommission einzurichten, um die Sorge und Liebe der Kirche für die ganze Menschheitsfamilie angesichts der Covid-19-Pandemie zum Ausdruck zu bringen, insbesondere durch Analysen und Überlegungen zu den sozio-ökonomischen und kulturellen Herausforderungen in der Zukunft, sowie in der Erarbeitung eines Vorschlags von Richtlinien, diesen zu begegnen. Das genannte Dikasterium (DSSUI) hat also eine Kommission mit fünf Arbeitsgruppen mit folgenden Aufträgen einzurichten: jetzt für die Zukunft handeln; mit Kreativität in die Zukunft schauen; Hoffnung vermitteln; den Dialog und gemeinsame Überlegungen suchen; unterstützen, um zu bewahren“. Die Bischofskonferenzen sind zur Mitarbeit in dieser Kommission eingeladen, um die Kräfte angesichts der großen Herausforderungen der Zeit nach Covid-19 zu koordinieren. Papst Franziskus hat entschieden, zugunsten derer, die in Gefahr sind, außerhalb der zum Schutz eingerichteten Institutionen zu bleiben, mit gutem Beispiel voranzugehen. Im Brief an den Generalvikar der Diözese Rom, Angelo Kardinal De Donatis, teilt er mit: „Als Bischof von Rom habe ich entschieden, in der Diözese einen Fond Gesu Divino Lavoratore einzurichten, um die Würde der Arbeit in Erinnerung zu rufen, und mit einem Anfangskapital von einer Million Euro an die diözesane Caritas auszustatten.“ (Brief, 8. Juni 2020)

Die weitere Entwicklung dieser Geste und der Initiativen des Heiligen Stuhls muss verfolgt werden. Die katholische Kirche in Deutschland wie auch das deutsche Volk insgesamt sind für ihre Großzügigkeit gegenüber den Hilfsbedürftigen und Notleidenden bekannt. Gott sei Dank, die Pandemie konnte in Deutschland einigermaßen gut eingedämmt werden, nicht zuletzt wegen der guten Strukturen, verantwortungsvoller Politiker und einem Gesundheitswesen auf hohem Niveau. In dieser Situation könnte Deutschland wieder einmal seine Großzügigkeit bei der Hilfe für die Nationen zeigen, die von Covid-19 besonders schwer getroffen worden sind. Daher danke ich der Deutschen Bischofskonferenz, den deutschen Diözesen, weltkirchlichen Hilfswerken und Ordensgemeinschaften für die internationale Solidaritätsaktion durch Gebet, Information und Spenden, insbesondere die Sonderkollekte am 6. September 2020.

Dies wäre sodann eine gute Antwort auf des Herrn Weckruf: „Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt“ (Lk 13,5).

Hinweis:

Das Grußwort ist unten auch als pdf-Datei verfügbar.