Vierter Katholischer Flüchtlingsgipfel 2019

Dokumentation

Am 4. Juli 2019 fand in Essen der vierte Katholische Flüchtlingsgipfel statt. Auf Einladung des Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz und Vorsitzenden der Migrationskommission, Erzbischof Dr. Stefan Heße (Hamburg), waren rund 150 Praktiker, Experten und Ehrenamtliche auf der Zeche Carl zusammengekommen, um sich über „Fremdenfeindlichkeit als Herausforderung der kirchlichen Flüchtlingshilfe“ auszutauschen.

Fotos vom vierten Katholischen Flüchtlingsgipfel

Eröffnungsansprache von Erzbischof Dr. Stefan Heße

Mit dem Dank der deutschen Bischöfe an die kirchlichen Flüchtlingshelfer eröffnete Erzbischof Heße die Veranstaltung. In der Vielzahl der Teilnehmer sah er „eine Quelle der Inspiration und der Kraft“. Zugleich stellte er klar: „Die großen Herausforderungen stehen noch bevor. Denn Integration, die der Aufnahme folgt, ist eine langfristige Aufgabe, die unsere Gesellschaft verändert und auch mit Konflikten einhergeht. Vor diese Aufgabe sind wir jetzt gestellt. Und es ist entscheidend, wie wir damit umgehen und welche Antworten wir geben. Unsere Antwort ist Ausdruck dessen, wie wir uns als Gesellschaft verstehen und auch als Kirche.“ Er bekräftigte die christliche Haltung gegenüber Flüchtlingen mit den von Papst Franziskus formulierten Handlungsmaximen „aufnehmen, schützen, fördern und integrieren“, erinnerte aber zugleich an die Notwendigkeit, mit Ängsten umzugehen, die sich auch in der Kirche Gehör verschafften: „Ein Blick in die Gemeinden zeigt, dass auch manche Kirchengemeinde um ihre Einheit ringen muss, wenn es um Flüchtlinge und Migranten geht. Auch unter uns in der Kirche gibt es Angst vor dem Fremden und den Fremden.“ Vor diesem Hintergrund stellte er klar: „Eindeutig bekennen wir: Rassismus und Fremdenfeindlichkeit widersprechen der Botschaft Jesu. Wir wollen eine offene und ehrliche Debatte führen, die auch Raum lässt für das Unbehagen und die oft diffuse Angst, die sich in der Gesellschaft verbreitet haben. Aber wir glauben, gute Argumente zu haben, wenn wir auf Hoffnung und Vertrauen setzen, statt uns der Angst zu ergeben. Hass und Hetze treten wir entschieden entgegen.“

Ausdrücklich würdigte Erzbischof Heße das Engagement der rund 51.000 Ehrenamtlichen und 5.100 Hauptamtlichen, die 2018 in der kirchlichen Flüchtlingshilfe aktiv waren. Ebenso dankte er den (Erz-)Bistümern und den kirchlichen Hilfswerken, die 2018 rund 125,5 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe bereitgestellt haben: 83,5 Millionen Euro für internationale Projekte und rund 42 Millionen Euro für die Unterstützung der inländischen Flüchtlingshilfe (einschließlich Sachleistungen im Gegenwert von etwa 4,5 Millionen Euro).

Downloads

Vortrag von Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl

In seinem Vortrag „Fremdenfeindlichkeit – (k)ein Thema für die Kirche?“ behandelte Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (Professor für Theologische Ethik, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) Fremdenfeindlichkeit im Kontext von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Sie sei durch abwertende Einstellungen und Vorurteile gegenüber Angehörigen ganzer Gruppen bestimmt, die als „anders“ definiert würden. Prof. Dr. Lob-Hüdepohl machte deutlich, dass fremdenfeindliche Menschen zwar keine homogene Gruppe seien, aber doch „gemeinsame tiefgreifende Verunsicherungen“ teilten, nicht zuletzt auch aufgrund einer „Ohnmachtserfahrung durch soziale und politische Deprivation“. Die von der Bischofskonferenz am 25. Juni 2019 veröffentlichte Arbeitshilfe zum Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen (Dem Populismus widerstehen) versuche, Hintergrundinformationen zu vermitteln und Orientierung zu geben.

Downloads & Infos

Wichtiger Hinweis für Medienvertreter

Fotos vom vierten Katholischen Flüchtlingsgipfel in Druckqualität sind kostenfrei verfügbar unter:
https://gallery.joernneumann.de/dbk-fluechtlingsgipfel-und-preis-gegen-rassismus/
Die Copyright-Angabe ist: © Deutsche Bischofskonferenz/Jörn Neumann

Arbeitsgruppen

Die Frage, wie die Kirche Ängsten und Vorbehalten gegenüber Geflüchteten begegnen kann, bildete den roten Faden in den Diskussionen der Arbeitsgruppen, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln behandelten.

Prof. Dr. Lob-Hüdepohl führte in die Arbeitshilfe Dem Populismus widerstehen ein und erläuterte dabei einige Positionen und Handlungsperspektiven des Dokuments. In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem die Annahme, dass eine eigene Migrationserfahrung vor fremdenfeindlichen Einstellungen schützen könne, erörtert. Dieses Motiv sei bereits im Alten Testament grundgelegt („... denn ihr seid selbst Fremde gewesen“). Als Gegenbeispiel wurde jedoch auf das vergleichsweise hohe rechtspopulistische Wählerpotenzial unter „Russlanddeutschen“ verwiesen. Des Weiteren wurde die Lage in Ostdeutschland diskutiert, insbesondere die im Vortrag vertretene These, dass Unsicherheit die Abgrenzung gegenüber „dem Anderen“ wahrscheinlicher mache. Prof. Dr. Lob-Hüdepohl stellte dabei klar, dass dies nicht das Phänomen einer spezifischen Region sei. Sowohl im Westen als auch im Osten sei ein bestimmtes Niveau an Ressentiments und rechten Einstellungen feststellbar.

Diskutiert wurde sodann die Motivation von Unterstützern rechter Politik. In diesem Zusammenhang verwies Prof. Dr. Lob-Hüdepohl auf das Phänomen der „usurpatorischen Schließung“: Menschen, die sich unsicher fühlen und sich in ihrem Status bedroht sehen, versuchten ihre Schicht nach unten „abzudichten“; im Hintergrund stehe eine (vermeintliche) Konkurrenz um Ressourcen und Zuwendung. Zugleich gebe es die Tendenz, eigene Privilegien zu „entprivilegieren“, um die eigene Position zu stärken. Häufig seien es aber gar nicht die unterprivilegierten Gruppen selbst, die eine Ausgrenzung vorantreiben, sondern vermeintliche Interessensvertreter, die selbst gar nicht Teil dieser Gruppen sind.

Eine weitere Frage, die die Teilnehmer beschäftigte: Wie ist Ehrenamtlichen zu begegnen, die ausschließlich mit christlichen Flüchtlingen arbeiten wollen? In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass die Frage nach dem Motiv entscheidend sei: Geht es darum, das Christentum als gemeinsamen Bezugspunkt fruchtbar zu machen? Oder steht eine dezidiert gegen Muslime gerichtete Haltung im Vordergrund? Wenn es in erster Linie um die Abwehr von Anhängern einer anderen Religionsgemeinschaft gehe, müsse dies aus kirchlicher Perspektive als Problem benannt werden. Die ablehnende Haltung gegenüber dem Islam hänge oft mit Verunsicherungen bezüglich des eigenen Glaubens zusammen. Schließlich wurde auch folgende Frage diskutiert: Wie glaubwürdig ist die Kirche, wenn sie einerseits öffentlich Gleichheit und Beteiligung einfordert, selbst aber an hierarchischen Strukturen festhält? Die Teilnehmer hielten fest, dass hier durchaus Spannungen bestünden. Prof. Dr. Lob-Hüdepohl zitierte zum Schluss Helmut Dubiel: Populisten würden oft richtige Fragen stellen, aber furchtbar schlechte Antworten geben.

Nach einer Vorstellungsrunde führten Dr. Thomas Arnold (Direktor der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen) und Dr. Ernst-Ulrich Kneitschel (Ansprechpartner im pastoralen Projekt „Ökumenische Flüchtlingshilfe Leipzig“ des Caritasverbands Leipzig) mit einer Analyse der Situation in Sachsen in die Thematik ein: Mit Ausnahme der Großstädte Dresden und Leipzig könnten (Gesprächs-)Foren zwischen „Fremden“ und Deutschen nur sehr schwer organisiert werden. Grund dafür sei, dass in der Fläche Sachsens kaum Ausländer lebten. Pfarreien seien mit solchen Formaten überfordert, zumal die Gefahr bestehe, dass Rechtspopulisten bei Veranstaltungen eine Stimmung erzeugten, gegen die kaum anzukommen sei. Wo Veranstaltungen stattfänden, werde streng auf eine rote Linie geachtet, die nicht überschritten werden dürfe. Wo zu heftig agiert werde, seien Veranstaltungen auch abgebrochen worden. Gegen Störer müsse man sich – gerade auch argumentativ – wehrhaft zeigen. Zugleich mache die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen mit neuen Formaten wie dem Sachsen-Sofa, dem Café Hoffnung oder mit Workshop-Tagen bei Firmen mobil, um auch im ländlichen Raum das Thema Umgang mit Fremdenfeindlichkeit zu platzieren. Weit mehr als in den größeren Städten beherrsche dort die AfD das Feld. Dabei befeuere sie die verbreitete Haltung: „Die anderen bekommen alles. Uns selbst bleibt nichts.“ Religion sei zudem seit über 40 Jahren völlig aus dem gesellschaftlichen Leben Sachsens verschwunden und die Kirche weiter auf dem Rückzug. Die Angst vor „anderen“ Religionen (vor allem dem Islam) sei auch deshalb umso größer, weil kein religiöses Wissen mehr vorhanden sei.

In einer Austauschrunde berichteten die Teilnehmer, dass quer durch die Pfarreien und kirchlichen Verbände Fremdenfeindlichkeit anzutreffen sei. Sodann wurden pastorale Handlungsansätze der Arbeitshilfe Dem Populismus widerstehen besprochen:

  • Gegen den Rechtspopulismus brauche es eine wehrhafte Demokratie. Konflikte seien auszuhalten und es brauche eine Unterscheidung der Geister.
  • Räume des Dialogs müssten offen gehalten werden: Misstrauen sei zu überwinden.
  • Ein Sich-Verstecken in digitalen Räumen müsse ebenfalls überwunden werden.
  • Neue Personengruppen müssten durch neue Formate, die das genannte Thema betreffen, gewonnen werden.
  • Der Umgang mit Emotionen müsse gelernt werden: Erst komme das empathische Wahrnehmen der Emotionen, dann die Argumentation.
  • Für Vorkommnisse wie in Chemnitz bräuchte es gut vorbereitete „kirchliche Krisenstäbe“. Bisher habe die Kirche oft zu spät reagiert.

In der Arbeitsgruppe konnten die Teilnehmer Strategien besprechen, wie sich Dialogräume schaffen lassen. Moderiert wurde die Arbeitsgruppe von Dr. Ina Schildbach (Projektleitung der „Kompetenzzentren für Demokratie und Menschenwürde der Katholischen Kirche Bayern“). Zu Beginn wurde der persönliche Bezug zur Thematik abgefragt; die genannten Punkte wurden im Laufe des Workshops sukzessive aufgegriffen. In einem kurzen Input ging Dr. Schildbach auf den Begriff des Rechtspopulismus und seine antidemokratischen und antipluralen Tendenzen ein. Dabei stellte sie auch die Frage, inwiefern man Gesprächsräume mit Rechtspopulisten überhaupt eröffnen könne und solle. Anschließend ging es um konkrete Möglichkeiten der Gestaltung des Diskurses sowie um die Grenzen des Austausches. Unter den Teilnehmern bestand Einigkeit darüber, dass die Negation der Würde eines anderen Menschen die nicht zu überschreitende Grenze darstelle.

Handout der Arbeitsgruppe 3 als pdf-Datei herunterladen

Zwei Schauspieler eröffneten die Arbeitsgruppe mit einer szenischen Darbietung: Unangekündigt unterbrachen sie den Moderator, Mello Hakopians (Caritas im Bistum Essen), und verwickelten ihn in eine typische „Stammtisch-Parolen“-Situation. Nach Aufklärung durch den Moderator wurde das Konzept der „Kneipentour gegen Stammtischparolen“ erläutert. Das unvermittelte „Loslegen“ der Schauspieler sei Teil der Kneipentour und sensibilisiere die Anwesenden für das Thema. Teil der Präsentation waren grundlegende inhaltliche und organisatorische Informationen. Ebenso wurden einige Fotos von vergangenen Kneipentouren gezeigt und Eindrücke der Abende geschildert. Im Anschluss wurde mit den Teilnehmern diskutiert, ob und wie ein Kneipenabend in ihren jeweiligen Städten und Gemeinden umsetzbar wäre.

Die Kneipentour ist ein Konzept von „Sach wat! Tacheles für Toleranz 2.0“, ein Projekt des Caritasverbands für das Bistum Essen e. V., und war Preisträger des Katholischen Preises gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus 2017. Informationen zum Projekt sind auf der Internetseite der Caritas im Bistum Essen unter www.caritas-essen.de/sachwat zu finden.

Präsentation „Sach wat! Tacheles für Toleranz 2.0“ als pdf-Datei herunterladen

Die Impulse zu Beginn der Arbeitsgruppe gaben Susanne Brandes („Kompetent für Demokratie – Beratung und Bildung für eine offene Kirche“ der Katholischen Erwachsenenbildung im Land Sachsen-Anhalt e. V.) und Matthias Colloseus („Demokratie in Kinderschuhen. Mitbestimmung und Vielfalt in katholischen Kitas“ des Bundesverbandes Kath. Tageseinrichtungen für Kinder, KTK). Beide stellten ihre Projekte kurz vor. Anschließend diskutierten die Teilnehmer anhand der beiden Projekte Strategien des institutionellen Umgangs mit Vielfalt in der Kirche.

Mit „Kompetent für Demokratie“ werde das Bistum Magdeburg als Teil der Zivilgesellschaft gestärkt und zugleich stärker sichtbar. Susanne Brandes machte deutlich, dass eine zielgruppengerechte Ansprache und langfristige Kontakte nötig seien. Sie wies darauf hin, dass die Verbindung von Prävention und Gedenkarbeit immer wieder Zugänge eröffne. Interkulturelle Begegnungen bedürften einer gründlichen Vor- und Nachbereitung. Insgesamt setze die Arbeit der KEB (Katholische Erwachsenenbildung) stets an den konkreten Bedürfnissen der Teilnehmer an.

Mit „Demokratie in Kinderschuhen“ setzte der KTK-Bundesverband auf Bundesebene Impulse für eine vielfaltsbejahende Kindertagesbetreuung. Matthias Colloseus ging am Beispiel des Umgangs mit Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit auf den häufigen Fehler ein, sich auf die Handelnden zu konzentrieren anstatt auf die Betroffenen. Er fragte, ob es nicht mehr Standards und Handreichungen für praktische Solidarität brauche. Betroffene zu stärken sei der nachhaltigste Weg zu gesellschaftlicher Veränderung. Denn beim Umgang mit Vielfalt fehle es meist an ausreichend deutlichen Signalen, wer bei den bestehenden Angeboten mitgedacht und willkommen sei. Er ergänzte, dass Rassismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit gesamtgesellschaftliche Phänomene seien. Eine tatsächliche Veränderung setze voraus, sie als Teil der Sozialisation aller zu thematisieren, nicht als das Problem einiger weniger Menschen.

In der anschließenden Diskussion wurde Susanne Brandes gefragt, ob auch Menschen mit menschenfeindlichen Einstellungen ihre Angebote in Anspruch nehmen würden. Sie verwies darauf, dass dies insbesondere im Kontext von verpflichtenden Maßnahmen (etwa als Teil von Ausbildungen bei der Stadtverwaltung oder in den Bereichen Altenhilfe und Pflege) der Fall sein könne; darin liege aber auch eine Chance. Matthias Colloseus wurde gefragt, ob nicht auch eine größere Vielfalt beim kirchlichen Personal, etwa bei den Fachkräften in katholischen Kindertageseinrichtungen, notwendig sei. Er informierte darüber, dass der KTK-Bundesverband im Herbst 2019 eine religionspädagogische Jahrestagung zu religiös pluralen Teams in katholischen Kindertageseinrichtungen durchführe.

Präsentation „Kompetent für Demokratie – Beratung und Bildung für eine offene Kirche“ als pdf-Datei herunterladen

Präsentation „Für eine Kultur des Miteinanders“ als pdf-Datei herunterladen

Anne Broden (Referentin für „Bildung und Beratung in der Migrationsgesellschaft“ und ehemalige Leiterin des Informationszentrums für Antirassismusarbeit in NRW) führte in die wesentlichen Aspekte einer differenz- und diskriminierungssensiblen Arbeit ein. Zu dieser Arbeit gehöre stets die „Gretchenfrage“: Wann ist Differenz bedeutsam und wann nicht? Es sei zudem wichtig zu lernen, damit umzugehen, dass Personen (zunächst einmal) nichts vom anderen wüssten, sondern Klischees und Vorurteile im Kopf hätten. Paul Mecheril spreche in diesem Zusammenhang von „Kompetenzlosigkeitskompetenz“: kompetent zu sein bezüglich der eigenen Kompetenzgrenzen und offen zu bleiben für die anderen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt einer differenz- und diskriminierungssensiblen Arbeit sei es, Mehrfachzugehörigkeiten anzuerkennen. In einer Einwanderungsgesellschaft bedeute das auch die Anerkennung von Mehrfachzugehörigkeit in ethnisch/nationaler Hinsicht. Wenn Jugendliche sich selbst als „türkisch-deutsch“ oder „türkisch“ präsentierten, sei dies nicht automatisch ein Hinweis auf mangelnde Integration, sondern Ausdruck einer Mehrfachzugehörigkeit. Anne Broden führte weiter aus, dass Selbstreflexivität und Fehlerfreundlichkeit zu den grundlegenden Haltungen und zur Arbeitspraxis gehörten. Menschen könnten mit den vielfältigen Herausforderungen in ihrer Arbeit nur dann angemessen umgehen, wenn sie regelmäßig ihr individuelles Denken und Handeln, ihre Arbeit im Team und in der Einrichtung selbstkritisch und fehlerfreundlich reflektierten. Die Teilnehmer setzten sich in der Arbeitsgruppe exemplarisch mit ihren individuellen Differenzerfahrungen auseinander und diskutierten über Modelle zur Stärkung der individuellen Diskriminierungssensibilität.

Markt der Möglichkeiten

Ergänzt wurde das Programm des Flüchtlingsgipfels durch einen Markt der Möglichkeiten, auf dem unter anderem Bewerber und Preisträger des Katholischen Preises gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ihre Arbeit präsentierten:

  1. Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Schweinfurt e. V.: „Lesekoffer Flucht und Vertreibung“ (Preisträger 2019), präsentiert von Judith Gläser (Fachdienst Gemeindecaritas, Fachstelle für gesellschaftlichen Zusammenhalt);
  2. Caritasverband für das Bistum Essen e. V.: „Sach wat! Tacheles für Toleranz 2.0“ (Preisträger 2017), präsentiert von Mello Hakopians (Caritas im Bistum Essen);
  3. Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg: „Wir sind bunt – Gegen die Drachen unserer Zeit“, präsentiert von Torsten Mellis (Stammesvorstand Pfadfinderstamm Heinrich Seuse) und weiteren Pfadfindern;
  4. Malteser Hilfsdienst e. V. des Bistums Magdeburg: „Haltung zeigen, Verbandskultur leben und Demokratie stärken“, präsentiert von Anke Brumm (stellv. Diözesangeschäftsführerin), Fernanda Córdova (Referentin Verbandsentwicklung und Partizipation, Projektleitung „Haltung zeigen, Verbandskultur leben und Demokratie stärken“) und Ulrich Thöner (Projektmanagement Flüchtlingshilfe);
  5. Interreligiöse Initiative „Sadaaka“ aus Köln, präsentiert von Sharif Abu-Jabir (erster Vorsitzender der Initiative) und Hans-Bernd Nolden (Vorstandsmitglied der Initiative);
  6. Bundesverband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder (KTK): „Demokratie in Kinderschuhen – Mitbestimmung und Vielfalt in katholischen Kitas“, präsentiert von Matthias Colloseus (Verband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder - Bundesverband e. V.);
  7. Wanderausstellung „Schau mich an – Gesicht einer Flucht“, präsentiert von Gerburgis Sommer (ehrenamtliche Projektverantwortliche) und David Schütz (Caritasverband Haltern am See);
  8. Bundesstelle der Interkulturellen Woche in Frankfurt am Main, präsentiert von Steffen Blatt (Ökumenischer Vorbereitungsausschuss zur Interkulturellen Woche).



Impuls von Ali Can

Von unterschiedlichen Differenz- und Diskriminierungserfahrungen berichtete Ali Can in seinem Impulsvortrag „MeTwo: Ich bin deutsch und anders“. Seinem Hashtag #MeTwo, der sich an der „MeToo“-Debatte orientiert, hatten sich viele Migranten angeschlossen, um über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus und Diskriminierung zu berichten. Durch eine lebendige Schilderung eigener Erlebnisse verdeutlichte Ali Can: Eine wichtige Aufgabe im Umgang mit Vorurteilen bestehe darin, sich selbst bewusst zu machen, dass Anderssein nicht per se ein Nachteil sei. Der Hashtag #MeTwo drücke genau dies aus: Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund seien eben mehr, mehr als „nur“ deutsch; in ihnen schlügen mindestens zwei Herzen (daher auch „MeTwo“). Eine positive Grundhaltung mache es leichter, Vorurteilen mit Gelassenheit und Humor, aber durchaus auch mit Klarheit entgegenzutreten. Sein Mantra im Umgang mit Anhängern rechtpopulistischer Bewegungen oder Parteien laute: nicht aufhören, miteinander zu reden, und im Dialog bleiben. Der Hashtag #MeTwo habe aber gezeigt, dass Alltagsrassismus nach wie vor ein großes Problem sei.


Abschlussdiskussion

An der Podiumsdiskussion unter dem Leitthema „Fremdenfeindlichkeit – Welche Aufgaben stehen in Kirche und Gesellschaft an?“ nahm neben Erzbischof Heße, Ali Can und Dr. Ina Schildbach auch Monika Düker (Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag Nordrhein-Westfalen) teil. „Ab wann ist ein Flüchtling kein Flüchtling mehr, sondern ein Nachbar, ein Studierender oder ein Deutscher? Die Zeit für eine Neudefinition des Deutschseins ist reif. Wir haben alle mehr als eine Heimat. Vielfalt ist das neue Made in Germany!“, betonte Ali Can. Monika Düker unterstrich: „Unsere Gesellschaft ist geprägt von Zukunftsängsten. Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel und Migration werden unsere Lebensweise verändern. Die Politik muss Antworten geben, wie wir diese Herausforderungen meistern können. Die aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen, zum Beispiel für Klimaschutz und den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen zeigen, dass vielen Menschen genau diese Antworten fehlen. Gleichzeitig schüren und nutzen Rechtspopulisten Ängste, um ihre menschenfeindliche, ausgrenzende und nationalistische Politik zu verkaufen. Grundfalsch und gefährlich für unsere Demokratie finde ich es, diesen ideologischen Brandstiftern hinterherzurennen und sich ihrer Programmatik anzunähern, um Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen. Wir sollten mit einer klaren Haltung gegen Nationalismus und Rassismus und für eine menschenrechtsorientierte Politik antworten, die auf den Werten unserer Verfassung fußt. Das Grundgesetz wird in diesem Jahr 70 Jahre alt, und leider müssen wir seine Artikel mehr denn je verteidigen.“

Dr. Schildbach erklärte, dass es entscheidend sei, dass man Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus nicht lediglich als ein Problem an den Rändern der Gesellschaft begreife. Der Aufstieg der AfD und anderer Parteien spiegele nur in institutionalisierter Form wider, was empirische Studien schon lange zeigten: Solche Einstellungsmuster seien fest in der Mitte der Gesellschaft verankert. „Ich erlebe in verschiedenen Veranstaltungen einerseits zwar eine große Verunsicherung, weil tatsächlich immer mehr Menschen sowohl im Privaten als auch beruflich mit entsprechenden Aussagen/Einstellungen konfrontiert werden. Zum anderen wird jedoch auch eine große Rückendeckung vonseiten der Kirchenspitze wahrgenommen; da gibt es keinerlei Unschärfen – und das ist extrem wichtig!“, so Dr. Schildbach. Zudem betonte sie: „Meines Erachtens müssen wir die innerkirchliche politische Bildung stärken, wie es jetzt mit dem bayerischen Kompetenzzentrum versucht wird. Menschen trauen sich nur dann in die Auseinandersetzung, wenn sie sich auch gut dafür vorbereitet sehen. Insofern wäre meine Hoffnung tatsächlich, dass in sämtlichen Bundesländern Kompetenzzentren eingerichtet und dadurch Gesprächsräume geöffnet werden.“

Erzbischof Heße verwies auf einen der Beweggründe für die Erarbeitung der Arbeitshilfe zum Populismus: „Von uns Bischöfen wird zu Recht erwartet, dass wir Menschen, die sich mit rechtspopulistischen Tendenzen konfrontiert sehen, geistlich und argumentativ den Rücken stärken. Das ist aber bisweilen keine leichte Aufgabe. Denn so entschieden und unmissverständlich unsere Ablehnung menschenfeindlicher Haltungen ist: Wir tragen auch für jene, die mit rechtspopulistischen Tendenzen sympathisieren, seelsorgliche Verantwortung.“ Die Flucht- und Migrationsbewegungen der Jahre 2015 und 2016 hätten gezeigt, dass Rechtspopulisten auch in Deutschland imstande seien, diffuse Ängste und Verunsicherungen zu bündeln. „Besonders bedenklich ist es, wenn solche Bewegungen sich als Verteidiger des christlichen Abendlands inszenieren und wesentliche Aspekte des christlichen Menschenbildes dabei ausblenden“, so Erzbischof Heße.

Zum Ende der Veranstaltung dankte Erzbischof Heße allen Mitwirkenden und Teilnehmenden. Der Gipfel habe verdeutlicht, dass fremdenfeindliche Einstellungen kein Randthema seien. Das Thema reiche weit über den Kreis der Geflüchteten und der in der Flüchtlingshilfe Engagierten hinaus. Die Veröffentlichung der Arbeitshilfe Dem Populismus widerstehen sei ein wichtiger Schritt. Nun gelte es, mit dem Dokument zu arbeiten, und Tag für Tag konkrete Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu setzen.

Pressemitteilung